Weinfreundinnen

Ein Hollerberg Krimi (von Franz Preitler)


Die hellen Strahlen der späten Nachmittagssonne drangen durch den Wald und warfen ein Muster von Längsstreifen auf den Asphalt der engen Straße. „In knapp einer Viertelstunde werde ich oben bei der Buschenschank sein. Dort wartet sie bereits auf mich“, dachte er und trat kräftig in die Pedale. Er liebte das Radfahren. Der Routenplaner auf dem Handy zeigte ihm die bevorstehende Strecke. Es war wirklich nicht mehr allzu weit. Er war bereits von Graz weg die ganze Strecke bis Pischelsdorf mit dem Fahrrad gefahren. Nun galt es noch den Berg zu bewältigen. Im Grunde genommen eine Leichtigkeit für ihn. Wie hatte sie gesagt, als sie dieses Treffen geplant und besprochen hatten? „Mit deinem Rennrad willst du kommen? Da hast du dir aber einiges vorgenommen!“ „Aber bitte, das schaffe ich locker ohne E-Bike, bei dem super Gerät, das ich fahre“, hatte er schmunzelnd erwidert und gewusst, dass er ihr damit eine Freude machte. Schließlich hatte sie ihm das neue Rennbike vor kurzem gekauft, weil sie seine sportlichen Ambitionen unterstützen wollte. Er hatte das Geschenk nur zu gerne angenommen und nutzte jede Gelegenheit, damit unterwegs zu sein. „Du solltest aber wissen, dass es in der Oststeiermark nicht nur geradeaus geht!“, hatte sie noch hinzugefügt, und er fragte sich, ob sie damit tatsächlich nur die Landschaft gemeint hatte. Er war gespannt, wie es heute Abend werden würde. In seiner Instagram Story hatte er bereits per Video die Abfahrt mit dem Rennrad vom Grazer Hauptbahnhof dokumentiert. Sie hatte es sicher schon gesehen und wusste, dass er jetzt bald da sein müsste. Also nur tüchtig treten und hinauf auf den Berg! Schließlich war er ein Energiebündel von 28 Jahren, groß - 185 cm -, schlank und sportlich. Er wusste, dass er mit den dunklen, nach hinten gekämmten Haaren über dem braungebrannten Gesicht und den blauen Augen eine sehr ansprechende Erscheinung war. Er musste grinsen, als er sich daran erinnerte, wie einige der Frauen ihn heute im Zug von Wien nach Graz angeschaut hatten. Sogar der ältere Herr, der ihm gegenübersaß, klein und glatzköpfig, hatte ihn mit neidischen Blicken gestreift. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass er heute bei der Rotweinverkostung am Hollerberg mit dabei sein sollte. Er wollte ihr die Bitte nicht abschlagen. Am Parkplatz vor der Buschenschank würde er seinen engen Radlerdress gegen Jeans und T-Shirt wechseln, sie sollte mit ihrem feschen Begleiter heute ruhig ein wenig angeben können.
Plötzlich vernahm er hinter sich das Geräusch eines Autos. Die Straße kam ihm dadurch in der nächsten Kurve gleich noch enger vor als bisher. Mit zusammengekniffenen Augen radelte er im gleichen Tempo knapp neben dem Straßenrand weiter, spürte das leichte Streifen der Büsche an seinem Arm und hörte, dass sich der Wagen rasch näherte. Es kam ihm seltsam vor, dass der Wagen so hochtourig unterwegs war. Anstatt an ihm vorbeizufahren, befand er sich jetzt unerwartet dicht hinter ihm. Es hatte fast den Anschein, als versuchte der Wagen auf ihn aufzufahren. Er bekam es mit der Angst zu tun. Schweiß trat auf seine Stirn. Er holte tief Luft, umklammerte fest den Lenker und trat noch stärker in die Pedale. „Was soll hier schon passieren? Das ist doch alles Einbildung. Alles ist wie immer, wenn die Straße so eng ist. Wahrscheinlich hat der Fahrer selbst ein ungutes Gefühl, dass es beim Überholen zu knapp werden könnte“, redete er sich ein, um sich zu beruhigen. Er versuchte sich auf das wieder steiler werdende Stück der Strecke zu konzentrieren. Jetzt schien das Auto doch zum Überholen anzusetzen. Er atmete auf und fuhr noch etwas weiter rechts, ganz an den Straßenrand, um den Wagen vorbeizulassen. Als er kurz nach links schaute, fiel ihm das verbissene Gesicht des Fahrers auf, der ihn mit scharfem Blick musterte. Aber der Wagen bremste wieder ein und blieb weiter knapp hinter ihm. Jetzt kam eine längere Strecke ohne Gebüsch auf der Seite, dafür mit einem Straßengraben. Er hörte, wie das Auto beschleunigte und verspürte plötzlich einen heftigen Stoß von der Seite, der ihn mitsamt dem Rad in den Graben katapultierte. Er prallte mit dem Helm auf einem Stein auf. Warmes Blut lief über seine Lippen. Er versuchte sich zu bewegen, es schien alles zu funktionieren, aber er hing mit einem Schuh am Pedal fest, nur der linke war frei. Das Klicksystem von den neuen Schuhen hatte offenbar nicht ganz funktioniert. Er versuchte aufzustehen, aber es ging nicht. Er war eingeklemmt. Der schwarze Wagen war inzwischen stehen geblieben. Na, Gott sei Dank, wenigstens würde der Fahrer ihm jetzt helfen aufzustehen. Die Tür wurde aufgerissen und ein großer, stämmiger Mann rannte um das Auto herum und starrte ihn mit vor Wut verzerrtem Gesicht an. Also bitte, zornig könnte wohl er sein, dass dieser unfähige Fahrer ihn gerammt hatte. Der sollte seinen Führerschein besser noch einmal machen, damit er das Überholen endlich lernte! „Was soll das? Können Sie nicht Auto fahren? Mein Fahrrad ist komplett neu!“, schrie er den Fahrer an, der jetzt näherkam. Das Rennrad war zwar ein Geschenk von ihr, aber er kannte den Preis und hätte es sich selbst nie leisten können. Und jetzt war der Lenker total verbogen und das Vorderrad schien komplett unbrauchbar. „Wie soll ich jetzt weiterfahren? Ich kann nicht mal aufstehen! Und das Rad kann ich vergessen“, ergänzte er jetzt schon etwas leiser. Irgendwie war es beängstigend, wie eigenartig der Fahrer, der ihn noch immer mit wildem Blick fixierte, auf den Unfall reagierte. War der Mann verrückt? Der sollte ihm doch wenigstens helfen! Jetzt endlich beugte er sich – noch immer wortlos – über ihn, so, als wollte er ihn aus seiner Notlage befreien. Und da geschah es. Mit der linken Hand drückte der Mann ihm den Kopf seitlich in den Boden. Er verspürte schmerzhaft den Druck des Helmrandes und konnte trotz der blutenden Nase den modrigen Gestank der grauen Arbeitshandschuhe riechen, die der Mann trug. Verzweiflung packte ihn. Er probierte mit aller Kraft aufzustehen, um sich aus der misslichen Lage zu befreien. Zwecklos. Der grobe Mann mit dem verzerrten Gesicht war viel stärker, drückte ihn noch fester in den Boden und kniete sich mit voller Wucht auf seinen Oberkörper. Verzweifelt wollte er um Hilfe schreien, doch die Panik schnürte ihm die Kehle zu. Mit der rechten Hand griff das Ungetüm jetzt nach einem der Steine neben ihm. Damit schlug er wie wild auf seinen Helm ein, bis es ihm schwarz vor den Augen wurde. Knapp bevor er das Bewusstsein verlor, sah er wie in einem Film, dass sich das Blut aus seiner Nase zu einer kleinen Pfütze sammelte, in der sein Smartphone lag und summte. Die aufgeregten Schreie der drei jungen Männer vom Straßenrand hörte er schon nicht mehr. Sie waren mit Verspätung ebenfalls auf dem Weg zur Weinverkostung. Am Hollerberg an der oststeirischen Römerweinstraße genossen die Gäste den noch wunderschönen Herbsttag. Das Weingut befand sich in einer der besten Lagen nahe dem oststeirischen Kulm und führte einen Gastbetrieb. Über dem idyllischen Berg bei Pischelsdorf hatte sich bereits den ganzen Tag ein wolkenloser, klarer Herbsthimmel gespannt, der eine Fernsicht bis über die steirische Grenze hinaus ermöglichte. Jetzt am lauen Herbstabend genossen zahlreiche Gäste auf der Aussichtsterrasse ihre Brettljause mit einem oder mehreren Gläschen der erlesenen Weine, für die die Buschenschank bekannt war. Seit einiger Zeit hatte sich das „Weingut zum Lesen“ auch als Ort der Literatur profiliert, sowohl durch Lesungen, als auch durch die sehr gerne mit Titeln der Weltliteratur verbundenen geistreichen Weinnamen.
Eine Runde von älteren Frauen, die „Weinfreundinnen“, wie sie sich selbst nannten, saß ganz vorne in der gemütlichen Gartenlaube mit Blick auf den Ort. Die fünf Damen waren alle knapp 70, bereits Witwen und blickten auf eine Vergangenheit voller Höhen und Tiefen zurück. Sie kannten sich seit der Schulzeit in Graz. Sehr vieles hatte sich seitdem in ihrem Leben getan. Nur eines hatte sich nie geändert: ihre enge Freundschaft und die Liebe zu einem guten Glas Rotwein. Man kannte die Damen im Buschenschank als angenehme Gäste, die kein Geheimnis aus ihrer Vorliebe für delikates Essen und erlesene Weine machten. Sie trafen sich mindestens einmal im Jahr hier in der Oststeiermark, außerdem unternahmen sie schon seit langer Zeit jedes Jahr im Mai auch eine gemeinsame Reise. Dabei war es immer Anna Müller, die die Organisation übernahm. Anna war eine große, schlanke, trotz ihres Alters immer noch attraktive Frau mit sympathischen Gesichtszügen. Sie hatte gepflegtes blondes Haar und ziemlich große blaue Augen, die sich manchmal ins Wesenlose zu verlieren schienen. Anna war im Kreis ihrer Freundinnen nicht nur die einzige, die zwar auch gerne ein Glas Rotwein, aber noch lieber einen guten Weißwein trank – hier in der Buschenschank liebte sie besonders den raffiniert würzigen Weißburgunder „Nathan der Weiße“ mit seiner fruchtigen Frische –, sie war auch die einzige, die es in jungen Jahren bereits ins Ausland gezogen hatte. Anna hatte damals bei einem Spanienurlaub zufällig mit ihren Eltern in einem Hotel gewohnt, dessen Besitzer ein deutschsprachiges Kindermädchen suchte, damit seine Kinder möglichst früh mit der Sprache der meisten Gäste des Hotels in Kontakt kommen sollten. Da Anna gerne Spanisch lernen wollte und ohnedies Interesse für die Hotelbranche hatte, sagte sie nach einigem Hin und Her (sie wollte auch einige Stunden an der Rezeption arbeiten, man arrangierte sich) zu und zog an die Costa del Sol. Sie blieb dort zwar nur etwas länger als ein Jahr, aber nach einem kurzen Zwischenstopp bei ihrer Tante in Wien fand sie rasch eine Stelle als Rezeptionistin in einem größeren Hotel in Norddeutschland. Später arbeitete und lebte sie jeweils auch einige Zeit in Holland, Frankreich und in der Schweiz. “Anna, die Unruhige“, wurde sie von ihren Freundinnen daher gern scherzhaft genannt. Seit ihrer Rückkehr in Österreich arbeitete sie in einem Hotel in Wien und lernte dort einen reichen Geschäftsmann kennen, mit dem sie bis zu seinem Ableben zusammenwohnte. Der Mann war von seiner Frau getrennt, jedoch nicht geschieden und daher kam eine Ehe nicht in Frage. Nach dem Tod ihres Lebensgefährten, der sie finanziell gut abgesichert hatte, blieb sie weiterhin in Wien. Im Gegensatz zu ihr waren ihre Freundinnen immer in der Steiermark geblieben. Regina Hofmeister, hager, mit graumelierten Haaren und stets neugierig, ja manchmal sogar ziemlich übergriffig, hatte es seinerzeit wegen einer Anstellung als Amtsleiterin in die Südsteiermark verschlagen. In der Gemeinde galt sie als strenge Hand des Bürgermeisters. Manch einer meinte, sie selbst wäre stets die eigentliche Ortschefin gewesen und übertrieben kontrollsüchtig. Ihrem strengen Blick entging tatsächlich nichts und sie wusste über jeden Bescheid. Sie konnte auch ziemlich boshaft und ungerecht sein und wusste stets genau, was richtig war und wie es sein sollte. „Regina, die Strenge“, pflegten ihre Freundinnen sie zu nennen – allerdings nur dann, wenn sie nicht dabei war. Regina konnte nämlich sehr streng sein, wenn ihr etwas nicht gefiel! Ihre turbulente Ehe blieb kinderlos, ihr umtriebiger Mann hatte viele Jahre eine Geliebte, doch sie willigte in eine Scheidung trotz aller Empfehlungen nicht ein. „Wozu soll ich auf die Rente des Alten verzichten?“, war ihr zynisches Argument. Das Warten hatte sich wohl gelohnt. Ihren Freundinnen hatte sie das Ableben ihres untreuen Gatten einige Zeit sogar verschwiegen. Darüber ärgerten sich diese ziemlich, aber noch mehr störte es sie, dass Regina nach dem Tod ihres Gatten noch öfter zur Zigarette griff als früher. Sie war zu einer richtigen Kettenraucherin geworden und war – wie sonst auch manchmal – keinem noch so gut gemeinten Argument zugänglich. Regina bestellte am Hollerberg immer den Terravin Barrique des Hauses mit dem Namen „Die Leiden des jungen Winzers“, ihre Freundinnen vermuteten, es sei wohl deswegen, weil er sich mit seinem vollmundigen Geschmack einigermaßen gegen die Tabakdominanz in ihrem Mund durchsetzen konnte. Mathilde Steinhauer, stets zu Widerspruch geneigt, groß und sportlich, bevorzugte dagegen den Zweigelt Klassik mit dem Namen „Des Zweigelts neue Kleider“. Mathilde hatte sehr früh die Apotheke ihres Vaters in Graz übernommen. In ihrem Beruf war sie sehr tüchtig, als Chefin schwierig. Sie war eine anerkannte Kräuterexpertin und sehr naturverbunden. Von Haarefärben, schönen Kleidern, Smartphones und Sport im Fitnesscenter hielt sie rein gar nichts. Mathilde stellte gerne alles in Frage und war anderen gegenüber ziemlich ungeduldig. Sie war eine Perfektionistin, was sie machte, musste stets fehlerfrei und ohne die geringste Schwachstelle sein. Daher war es klar, dass auch ihr selten jemand etwas recht machen konnte. Natürlich passte es ihr auch gar nicht, wenn man sie „Mathilde, die Kritische“ nannte… Sie liebte die Natur und das Wandern, dabei war sie gerne allein unterwegs. Vielleicht lag das auch daran, dass ihr verstorbener Gatte in der Obersteiermark eine Jagd gepachtet hatte. Nach über dreißigjähriger Ehe hatte er sich in seinem Arbeitszimmer das Leben genommen. Nein, nicht erschossen, wie man von einem zielsicheren Waidmann hätte annehmen können, sondern es war Selbstmord durch Gift. Seine Schwester meinte, ihr Bruder hätte in den drei Jahrzehnten seiner Ehe so viel erduldet, dass sein Selbstmord wohl eine verzweifelte Geste der Auflehnung gegen seine Frau gewesen war. Dieser Schicksalsschlag hatte die immer schon spürbare Verbitterung von Mathilde, die ihr Leben ohnedies als eine Serie von Pechsträhnen sah, noch verstärkt. Die stets gütige und gutgelaunte Sophie Obenaus – „Sophie, die Fröhliche“ – war das komplette Gegenteil. Sie war für jeden Spaß zu haben und zog das Hausfrauendasein dem Berufsleben vor. Sophie hatte ein hübsches, rundliches Gesicht, die rot gefärbten Haare trug sie kurz und ihre Kleidung war zwar ohne übertriebenen Firlefanz, aber chic und modern. Sie konnte sich ein gutes Leben leisten. Ihr verstorbener Gatte war in Graz ein angesehener Bankdirektor gewesen. Nicht nur aufgrund seines beruflichen Engagements zeigte er sich selten daheim und auch kaum Interesse an ihr. Man hatte ihm eine jahrzehntelange Liaison mit seiner Sekretärin nachgesagt. Eines Tages, nach ein paar Gläschen Wein (sie bevorzugte hier in der Buschenschank den einfachen Zweigelt Landwein „Der Zauberer von Rot“), hatte Sophie ihren Freundinnen unter Tränen erzählt, dass ihr Mann in der Wohnung dieser unverschämten Person wesentlich mehr Zeit verbrachte als zuhause. „Aber“, sie versuchte ein klägliches Lächeln, „es hat alles auch seine Vorteile. Ich brauche ihn weniger betreuen und das ist auch nicht schlecht.“ So war Sophie eben. Das Glas war bei ihr immer halb voll und nie halb leer. Im Laufe der Jahre störte sie die Untreue ihres Gatten tatsächlich immer weniger. Ihr Mann war in seinen letzten Lebensjahren dem Alkohol sehr zugetan gewesen und so blieb ihr wohl einiges erspart. Mit den Worten: „Na gut, zum Glück hat man kein Testament gefunden. Sonst hätte diese Tippse ihn wohl noch beerbt!“ schloss sie augenzwinkernd das Kapitel ab und lebte sehr gut von der hohen Witwenpension. Die beiden Söhne, ebenfalls Banker wie der Vater, gerieten ganz nach ihm. Sie lebten mit ihren Familien zwar auch in Graz, aber Sophie sah sie und die Enkelkinder nur selten. Hin und wieder besuchte sie sie oder lud sie zu sich ein, sofern es deren knappe Zeit ermöglichte. Sophie hatte sich auch damit gut arrangiert und lebte ihr Leben in großer Zufriedenheit. Ihre freundliche, vermittelnde Art war überall sehr geschätzt, auch im Kreis der Weinfreundinnen. Die Vornehmste unter den Damen war die immer noch jugendlich wirkende Liliane Ederberg. Sie hatte sich für die Modebranche entschieden und eine exklusive Boutique geführt, ihr Mann war ein bekannter Grazer Promifriseur. Schon als Mädchen trug sie die hübschesten Kleider und hatte die reizendsten Frisuren. Ihrer Mutter, eine Arzttochter und Arztgattin, war das sehr wichtig. Es gab auch das notwendige Kleingeld dafür, die Familie hatte damals sogar eine eigene Haushälterin. “Liliane, die Elegante“, wenn ihre Freundinnen sie so nannten, widersprach sie zwar, freute sich aber insgeheim darüber. Kein Wunder, dass ihr Styling stets perfekt war, lächelten sie und ihr Mann doch jahrelang mehrmals im Monat aus regionalen Zeitungen und zogen ein Dasein in der Promiszene einem Familienleben vor. Aber das war längst Vergangenheit, ihr Gatte war inzwischen verstorben und die großzügige Stadtwohnung direkt am Hauptplatz wurde schon seit Jahren vermietet. Liliane zog im Alter ein gemütliches Leben auf dem Lande vor und war in die Nähe des Kulms gezogen. Seitdem lud sie ihre Freundinnen einmal im Jahr für ein paar Tage in ihr großzügiges Haus mit dem sonnendurchfluteten Wintergarten und der großartigen Aussicht ein. Ein Besuch in der Buschenschank am Hollerberg auf ein paar Gläschen Rotwein – „Warten auf Merlot“ war dabei ihr Favorit –, um auf ihre langanhaltende Freundschaft anzustoßen, wurde zur gerne gepflegten Tradition. Trotz ihrer Verschiedenheit verstanden sich die fünf Damen gut, es gab selten Unstimmigkeiten. Und falls doch, war es Sophie, die diese geschickt aus dem Weg zu räumen wusste. Liliane hatte sich für den heutigen Besuch in der Buschenschank etwas Besonderes ausgedacht. Es würde nämlich ein neuer Rotwein des Weinguts präsentiert werden und bei dieser Gelegenheit stellte auch eine junge steirische Autorin ihr neues Buch „Wein.Lesen“ mit Geschichten und Mundartgedichten rund um den Wein vor. Als kleines Geschenk hatte Liliane für jede ihrer Freundinnen ein handsigniertes Exemplar des Werkes bestellt. Aber nicht nur Liliane hatte eine Überraschung parat, sondern auch die strenge Regina hatte bei jedem Telefonat vor dem Treffen betont, dass sie unbedingt etwas Wichtiges kundtun müsse. „Und ich habe ebenfalls eine ganz großartige Neuigkeit für euch, meine Lieben!“, meinte Anna aus Wien, die dieses Mal für die Zeit des Besuches nicht bei Liliane im Haus am Waldrand untergebracht werden wollte. Sie nächtigte in einem Gasthof in der Nähe und hatte sogar für eine zweite Person ein Zimmer gebucht, wie Liliane in Erfahrung gebracht hatte. Das und dass Anna ihnen eine „großartige Neuigkeit“ in Aussicht gestellt hatte, beunruhigte die Frauen und brachte sie ordentlich in Aufruhr. „Abgesehen davon, dass es keine Neuigkeit ist, schließlich sind wir ja auch nicht blind, finde ich, dass es langsam nicht mehr zu übersehen ist: die gute Anna wird langsam senil. Man sieht es daran, wie schamlos sie sich in aller Öffentlichkeit aufführt“, hatte Regina kurzatmig zu Mathilde am Telefon gemeint, die danach gleich aus dem Hörer einen tiefen Zug an der Zigarette vernehmen konnte. Mathilde dachte kurz nach, dann erwiderte sie trocken: „Das ist ja echt das Allerletzte, dass sie den Kerl jetzt auch noch zu unserem Treffen mitbringt! Eine beglückende Vorstellung, ihrem dummdreisten Treiben endlich ein Ende zu setzen!“ Als ihr die Bedeutung des Gesagten bewusst wurde, hielt sie inne. Aber: es war ja wirklich allerhand, wie Anna sich aufführte!
Das ganze Debakel hatte bei ihrer letzten gemeinsamen Reise im Mai angefangen. Heuer hatte Anna für die Damenrunde eine Donaukreuzfahrt von Wien ans Schwarze Meer mit der „MS Nestroy“ gebucht. Jede von ihnen hatte eine eigene Kabine mit Aussichtsfenster. Die Freundinnen erlebten zehn Tage lang den Fluss von seiner eindrucksvollsten Seite. So wie das „Eiserne Tor“ ihnen die wildeste Donaulandschaft bot, so zeigte das Donaudelta die sanfteste Seite des Flusses mit seiner erstaunlichen Vielfalt an Flora und Fauna. Zwischen bestem Essen, feinsten Weinen und anregenden Gesprächen besuchten sie die Metropolen Budapest und Belgrad, aber auch nicht ganz so touristische Orte wie das Felsenkloster Bassarbowo oder das idyllische Dörfchen Valeni in Moldawien. Sophie war von den Schleusen beeindruckt und sie und Liliane ließen sich abends sogar einmal zu einem Tänzchen verlocken. Das Essen war ein Genuss für jede von ihnen, abends zogen sie sich meist früh zum Lesen in die Kabine zurück. Außer Regina, die besuchte nachts mehrmals das Deck, um ihrem Laster, dem Rauchen, nachzugehen und um Anna zu kontrollieren.


...................Fortsetzung vom Weinkatalog....................


Das Verhalten von Anna hatte sich nämlich seit Beginn der Fahrt auf der Donau zum Erstaunen ihrer Damenrunde eigenartig verändert. Es war für sie alle offensichtlich, dass Anna sich auf dem Schiff in einen jungen, gutaussehenden Steward „verschaut“ hatte. Nicht nur, dass sie bei jeder Gelegenheit mit dem dunkelhaarigen Schönling sprach und unzählige Selfies mit ihm machte, ärgerte die verwunderten Damen. Auchdass sie einmal sogar – der junge Mann hatte wohl einen freien Abend – mit ihm an einem eigenen Tisch im Speiserestaurant ihr Abendessen bei mehreren Gläsern Wein einnahm und sich amüsierte, war äußerst auffällig und verstörte ihre Freundinnen. Sie waren verärgert und insgeheim eifersüchtig. Annas lockeres Benehmen war für die anderen Damen inakzeptabel. Nur Sophie reagierte gelassen und fand, dass Anna das Recht hatte, sich zu amüsieren. Dafür war Regina ganz besonders empört: „Na bitte, das Getue der beiden zieht ja sogar die Blicke der anderen Gäste auf sich und es wird deswegen schon genug getuschelt!“ Auch dass Anna ständig am Handy herumtippte und offensichtlich Nachrichten mit ihrem um sicher 40 Jahre jüngeren neuen Bekannten austauschte, kam nicht gut an.
„Jetzt leg doch mal das blöde Handy weg, Anna! Du bist doch keine 20 Jahre mehr!“, fuhr Regina sie wütend an. „Meine Güte! Wie siehst du denn heute aus? Kannst du bitte morgen beim Abendessen ein weniger dekolletiertes Kleid anziehen!“, mokierte sich Mathilde und warf Anna einen empörten Blick zu. „Eine Frau deines Alters trägt auch keine langen Haare mehr und noch dazu offen!“, fügte Regina patzig hinzu. Sophie schüttelte lachend den Kopf. „Ich wäre froh, wenn ich noch so volles Haar hätte!“ Liliane hielt sich zwar zurück, aber sie war über die Situation auch beunruhigt. Und Anna? Anna lachte nur und winkte dem jungen Steward fröhlich zu. Es war dann Regina, die meinte, dass Anna doch schon immer ein Faible für jüngere Männer gehabt hätte: „Sie hat ja nie viel von ihrer Zeit in Spanien erzählt, aber da soll es ja auch einen Spanier gegeben haben, der um einiges jünger war als sie“, erzählte sie mit verschwörerischem Blick. „Wirklich? Sie war doch selbst noch ganz jung. Aber wie auch immer, geheiratet hat er sie offensichtlich nicht. Vielleicht war sie ihm tatsächlich zu alt?“, ergänzte Mathilde boshaft. Nur Sophie gönnte Anna das Vergnügen: „So lasst ihr doch die Freude! Seht mal, wie sie strahlt! Man lebt nur einmal!“ Die strenge und kontrollsüchtige Regina jedoch ließ nicht locker. An einem Abend, als Anna ihr Handy am Tisch liegen gelassen hatte, um kurz an Deck zu gehen, nahm sie es an sich und machte sich ein paar Notizen. „Aha, ein junger Wiener, der schon länger auf dem Schiff hier arbeitet. Ich habe sein Facebook Profil rausgefunden und auf WhatsApp hat er sich bei ihr für das Geld bedankt!“, bemerkte sie verärgert und warf einen Blick auf die Treppe zum Deck. Aber Anna war noch nicht zu sehen.
„Da seht ihr es! Er hat Anna schon das Geld aus der Tasche gezogen“, beunruhigte sich Liliane und hob den Zeigefinger. Regina ging aber noch weiter und war sich nicht zu schade, von Annas Handy ein paar Fotos und Nachrichten auf ihr eigenes Smartphone zu schicken. Wie sie das machte, war den Damen ein Rätsel, doch im Nu hatte sie alles auf ihrem Handy. „Mit einem iPhone geht das einfach“, meinte Regina stolz und ignorierte die unsicheren Blicke der anderen. Am Ende der Reise verabschiedete sich Anna beim Verlassen des Schiffes von dem jungen Mann mit einem Küsschen und meinte: „Wir hören ja bald wieder voneinander, bis dann!“ Ihren Freundinnen Regina, Mathilde und Liliane wurde dabei ganz mulmig zumute. Sie waren entsetzt und hielten es für ihre Pflicht, dieser Liaison so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten. Die verstörten Frauen waren sich sicher, dass Anna sich in den jungen Mann verliebt hatte und er dies schamlos ausnutzte. „Zum Glück kennt sich Regina mit dem modernen Zeugs da aus und hat nun die Daten von diesem Schurken, der sich an alte Damen ranmacht!“, meinte Mathilde mit einem Wink zu Reginas Handy. „Man liest es immer wieder in den Zeitungen. Wir sollten sofort zur Polizei gehen!“ bestätigte Liliane empört. Sophie erwiderte erbost: „Das, was du mit Annas Handy gemacht hast, ist aber auch verboten, liebe Regina! Wie willst du der Polizei denn erklären, woher du die Informationen hast? Lasst Anna doch in Ruhe, sie wird schon wissen, was sie tut!“ Aber sie wurde überstimmt. Man musste dieser unheilvollen Affäre ein Ende bereiten und diesen Schurken von Anna fernhalten! Darüber waren sich zumindest Regina und Mathilde einig.
Am Hollerberg befanden sich in der Zwischenzeit alle Gäste drinnen in der Wirtsstube der gemütlichen Buschenschank. Die Wirtin begrüßte erfreut die Anwesenden und gab einige Informationen zur Veranstaltung, bei der neben der Lesung auch ein neuer Rotwein des Hauses vorgestellt werden sollte. Die ortsansässige Büchereileiterin sprach einige Worte zur beliebten Autorin und erklärte einiges zum Ablauf der Lesung. Diese Weinpräsentation war erstmals als spannendes Rätsel angelegt, es galt nämlich, den Namen der neuen Weinkreation zu erraten. Dazu gab es einen literarischen Hinweis, und zwar ein Zitat: „Für Sorgen sorgt das liebe Leben. Und Sorgenbrecher sind die Reben“. Auch dass es sich bei der literarischen Namensquelle um eine Erweiterung einer Gelehrtentragödie handle, wurde als zusätzlicher Tipp gegeben. Wer den Namen der neuen Weinkreation erraten könne, auf den warte zur Belohnung eine Flasche des erlesenen Tropfens. Auf jedem Tisch befanden sich Zettel, wo man den vermuteten Namen des Weines sowie seine eigenen Anmerkungen zur Verkostung der neuen Kreation des Hauses vermerken konnte. Nach der Präsentation sollten diese Zettel abgesammelt und ausgewertet werden. Es herrschte eine neugierig gespannte Stimmung im Raum. „Bitte eure eigenen Namen am Zettel nicht vergessen, sonst ist die Mühe vergebens“, fügte die Wirtin lächelnd hinzu und wünschte einen schönen und interessanten Abend. Die Gäste lauschten aufmerksam den interessanten Texten rund um den Wein, und als die Autorin mit dem Gedicht „Wia guat, dass ma heut z’samm´ san!“ den ersten Teil der Lesung beendete und eine kurze Pause ankündigte, meinte Regina mit brüchiger Stimme, dass das wohl der richtige Moment sei, ihren Freundinnen etwas zu sagen. Liliane bat sie, doch abzuwarten, bis die Weinprobe vorbei wäre. Und Anna schien abgelenkt. Sie warf ständig einen nervösen Blick auf ihr Handy und senkte die Augenlider wie zu einem Gebet.
„Ich will es aber jetzt loswerden. Weil ich nämlich nächsten Monat ins betreute Wohnen in die Stadt ziehe, werde ich diesmal zum letzten Mal an unserer
Damenrunde teilnehmen!“, meinte Regina kurz angebunden, schien dabei aber auch feuchte Augen zu haben. „Die Arbeit mit dem Haus und dem großen Grundstück ist mir in letzter Zeit einfach über den Kopf gewachsen“, rechtfertigte sie sich vor den anderen, obwohl sie niemand von den Freundinnen nach dem Grund gefragt hatte. „Aber betreutes Wohnen ist doch kein Gefängnis und du kannst natürlich zu jedem Treffen kommen, wenn du willst“, widersprach Mathilde. Regina verneinte mit einem Kopfschütteln, schaute kurz zu Anna und meinte dann: „Nein, das wird nicht mehr möglich sein.“ Sophie fragte sie verwundert: „Was willst du denn ohne uns machen?“
„Und du Anna, was ist mit dir und deiner Neuigkeit? Was wolltest denn du uns heute Großartiges mitteilen? Willst du uns jetzt auch noch verlassen?“, polterte Mathilde jetzt in die aufgekommene betretene Stille um von Reginas Nachricht abzulenken. Anna drückte ihren erfolglos getätigten Anruf am Handy mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck weg und meinte: „Nein, ich möchte mich bei euch entschuldigen!“ „Entschuldigen? Ach Gott, wegen deines Verhaltens auf dem Kreuzfahrtschiff brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen, das ist doch allein deine Sache!“, lächelte Sophie. „Schlimmer als ein Teenager hast du dich benommen“, rügte Mathilde Anna dagegen streng und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ach, ihr dummen Hühner! Ihr scheint mir tatsächlich eifersüchtig zu sein! Aber nein, ich möchte mich entschuldigen, weil ich euch all die Jahre etwas verheimlicht habe.“ Anna stockte und nahm ihr Handy zur Hand. Sie öffnete das Display und deutete auf ein Foto mit einer Frau und dem jungen Mann, den sie am Schiff kennengelernt hatte. Sie holte tief Luft. „Ihr wisst es ja, als junges Mädchen war ich in Spanien bei einer Hoteliersfamilie zum Arbeiten. Mehrmals nachts, wenn ich mit dem Chef und den
schlafenden Kindern im Haus allein war, ist er im Zimmer über mich hergefallen. Es dauerte nicht lange und ich wurde schwanger. Der im Ort sehr angesehene Mann meinte, dass er angeben werde, dass ich ihn verführt hätte. Was sollte ich tun, ich war doch die blonde junge Ausländerin, wer würde mir glauben? Daher log ich für ihn und gab an, einem Unbekannten zum Opfer gefallen zu sein. Dass ich bis knapp vor der Geburt im Haus bleiben konnte und auch genug Geld für die Heimreise bekam, hat der feine Herr noch als gute Tat verkauft. Ich schämte mich schrecklich, wollte nicht einmal, dass meine Eltern von meinem Elend erfahren. Zum Glück war meine Tante in Wien mir eine Stütze, ich konnte bei ihr wohnen und gebar eine Tochter, die bei der Geburt zur Adoption freigegeben wurde. Dieses Geheimnis trage ich nun bereits mein ganzes Leben mit mir herum.“
Sie zog mit zwei Fingern das Foto groß und zeigte ihnen die Frau und den jungen Mann genauer. „Hier ist sie, meine Tochter!“ Sie wirkte dabei sehr nachdenklich und wischte sich Tränen aus den Augen. „Leider ist sie vor einem Jahr an Krebs gestorben. Ich habe sie nicht mehr kennengelernt.“ „Das tut mir sehr leid, Anna“, seufzte Sophie erschüttert und nahm sie tröstend in den Arm. „Und was hat der junge Mann vom Schiff mit dieser Frau zu tun?“, fragte Regina verwundert. Sie steckten alle ihre Köpfe über dem Handy von Anna zusammen und starrten das Foto mit großen Augen an. „Das ist Marcos, der Sohn meiner verstorbenen Tochter. Mein Enkelsohn! Nach dem Tod seiner Mutter – sie hat ihm wohl erzählt, dass sie immer gerne ihre leibliche Mutter kennengelernt hätte – machte er sich auf die Suche nach mir. Und er hat mich gefunden. Ist er nicht ein hübscher Mann?“ Anna strahlte und fügte lächelnd hinzu: „Marcos war es, der die Idee mit der Kreuzfahrt hatte. Er hat geschrieben, es wäre vielleicht besser, sich an einem neutralen Ort zu treffen. Am Schiff hatten wir dann wirklich gute Gespräche miteinander. Er kann verstehen, warum ich damals keine andere Wahl hatte und freut sich über den Kontakt mit mir. Ich bin Großmutter, was sagt ihr dazu, ihr alten Hühner? Ist das nicht wunderbar!“
„Vielleicht hättest du uns ein wenig früher darauf vorbereiten sollen?“, murmelte Sophie, die Mühe hatte, das alles zu verdauen. „Ja, oh ja, das hätte ich sollen“, antwortete Anna. Sie klang ein bisschen wehmütig und gleichzeitig irgendwie erleichtert. Um von sich abzulenken, wandte sie sich gespannt lauschend den Versen der Heimatdichterin zu, die mit dem zweiten Teil der Lesung begonnen hatte.

„Im Wein liegt die Woarheit“
„I sog da, glaub‘ nur net ois, wos´d dir so denkst,
weil´s so leicht passiert, dass´d die Woarheit verdrängst!
Foische Soch´n san gounz leicht in Kopf eini g’setzt,
und wia schnöll g´schiacht´s, dass´d dadurch wen verletzt!
Drum glaub koane G’schichtn, die du sölber net g’segn,
weil stimmen’s net, so stehst alloan do im Reg´n!
Vertrau‘ doch der Wölt, deinem Gspür‘, deine Freind,
des is doun a des, wos eich richtig vereint.
Host Zweifel, loss´s guat sein, trink a Glaserl vom Wein,
danach wird die Wölt glei a bessere sein.
Im Wein liegt die Woarheit, is guat für dei Gmüat,
weil durch´s Misstrau´n – gounz nüchtern – nix besser werd´n wird!

Der Applaus der Gäste war der Dichterin gewiss, doch an Annas Tisch herrschten Stille und Nachdenken. Als die Vortragende ihr Glas zum Anstoßen in die Runde hob, steckte Anna nervös ihr Handy zurück in die Tasche. Sie meinte zögerlich: „Marcos ist auf dem Weg hierher. Er hat sich zu Mittag mit seinem Rennrad auf den Weg zur Buschenschank gemacht und müsste eigentlich schon längst da sein. Aber er kommt sicher noch. Vielleicht könnten wir mit der Weinprobe an unserem Tisch bis dahin warten? Marcos hat als Kellner und ausgebildeter Sommelier bestimmt eine Idee zum neuen Rotwein! Was meint ihr?“ Sie lächelte verunsichert und hatte ein merkwürdiges Gefühl, als sie bemerkte, wie ihre Freundinnen sie anschauten. Sophie und Liliane blieb der Atem weg, sie warfen sich einen kurzen Blick zu, weil sie sich beide gleichzeitig an die Idee von Regina erinnerten, dem jungen Wiener vom Schiff einen gehörigen Denkzettel zu verpassen, sollte er sich weiter an ihre wohl senil gewordene Freundin Anna ranmachen. Lediglich Sophie war damals strikt gegen jede Einmischung gewesen, hatte Anna das späte Glück einer unbefangenen Freundschaft mit dem feschen jungen Mann gegönnt und gemeint: „Die beiden haben sich halt auf Anhieb gut verstanden! Lasst sie doch in Ruhe!“ Liliane dagegen war sich ebenfalls sicher, dass Anna Gefahr lief, von einem Betrüger ausgenutzt zu werden. Und sie hatte eigentlich deswegen die Polizei einschalten wollen. Jedoch, wie nicht anders zu erwarten, war sie mit sich selbst und ihrem Haus zu sehr beschäftigt gewesen, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber Mathilde war ja auch furchtbar empört über Annas Verhalten gewesen und hatte ebenfalls davon gesprochen, dem Treiben ein Ende setzen zu wollen. Oh Gott, wenn Regina und Mathilde in ihrem Übereifer bloß keinen Blödsinn gemacht hatten!
„Wie, er ist dein Enkelsohn?“ ertönte jetzt Reginas kratzige Stimme, die, vom ewigen Rauchen geplagt, in einen Hustenanfall überging. Sie spürte, wie ihr das Blut in den Adern stockte, als ihr die Bedeutung des Ganzen klar wurde. Sie ließ vor lauter Schreck ihr Weinglas fallen und sackte in sich zusammen. Wie konnte das sein? Oh Gott, was hatten sie sich da bloß zusammengereimt! Was hatten sie sich dabei gedacht? Was hatten sie getan? Mathildes Blick war wie versteinert. Sie war doch komplett sicher gewesen, keinen Fehler zu machen. Ihr Plan war ausgeklügelt und ohne die geringste Schwachstelle. Sie hatte alles immer wieder und wieder durchdacht. Mathilde war nämlich von Regina letztendlich als einzige in deren Pläne, „die Sache“ endlich zu bereinigen, eingeweiht worden. Regina hatte ein paar Ideen, den jungen Mann außer Gefecht zu setzen und von Anna fern zu halten, aber Mathilde hatte gemeint: „Du bleibst dran mit deinem Dingsda, dem iPhone, und informierst mich darüber, wann dieser Gauner unterwegs sein wird, den Rest lass mich nur machen! Ich kenn da jemanden, der zeigt ihm schon, wo der Bartl den Most holt!“ Regina hatte zustimmend genickt: „Das ist kein Problem, der Dummkopf postet laufend Instagram Stories, wenn er etwas unternimmt!“ So hatte das Vorhaben Gestalt angenommen. Alles war perfekt geplant und hatte sich gut gefügt. Und jetzt das!
Plötzlich konzentrierten sich Mathildes Augen wie gebannt auf die Eingangstür, die sich gerade öffnete. Zwei Polizisten traten ein und einer sagte mit lauter Stimme: „Meine Damen und Herren, dürfen wir Sie einen Moment stören?“ Stille im ganzen Raum. Mathilde war fast verwundert über den freundlichen, beinah liebenswürdigen Ton, in dem er das sagte. Anna wurde leichenblass. „Oh Gott, ist etwas mit Marcos?“ Aber der Polizist fragte jetzt laut nach einer Frau Mathilde Steinhauer. Mathilde war einen Moment lang wie gelähmt. Keine ihrer Freundinnen rührte sich, niemand verlor auch nur ein Wort. Als sie jedoch den Eindruck hatte, dass etliche Augen sich in Richtung ihres Tisches wendeten, sprang sie auf und rannte hinaus. Es war wohl das Verkehrteste, was sie hätte tun können, meldete sich ihr stets widersprüchlicher Geist selbst in diesem Moment der größten Panik. Aber jetzt war es zu spät, sie hatte schon alles falsch gemacht und so lief sie weiter. Sie lief aus dem Gebäude, über den Hof, riss die Tür zum Weinkeller auf und flüchtete die schmale Treppe hinunter. Für ein paar Sekunden fühlte sie sich wie erlöst. Lediglich ihr hastiger Herzschlag kündete davon, dass sie wohl zur Beute geworden war, nach der man jetzt am Hollerberg jagte. Sie wollte einfach nur unsichtbar sein, am liebsten ganz und für immer spurlos verschwinden. Aber wie und wohin?
Es dauerte nur kurz, bis die Wirtin die angelehnte Tür zum Weinkeller bemerkte. Als die Polizisten nach unten kamen, hockte Mathilde, die Arme um ihre Knie geschlungen, in einer Ecke zusammengekauert am Boden und blickte angstvoll auf. Alle Farbe war aus ihrem schmalen Gesicht verschwunden und stockend rückte sie mit der schrecklichen Wahrheit heraus. Ja, sie war es gewesen, die einem Mann aus ihrer Nachbarschaft, von dem sie wusste, dass er schon öfter im Gefängnis gewesen war, den Auftrag gegeben hatte, gegen eine höhere Geldsumme einem jungen Radfahrer auf dem Weg zur Buschenschank einen Denkzettel zu verpassen. Er sollte ihn von der Straße abdrängen, damit er nicht zum Treffen kommen konnte. Es sollte wie ein leichter Unfall mit Fahrerflucht aussehen. Wie hätten sie denn wissen sollen… Sie wollte doch nur…
Von der Polizei erfuhr man später, dass drei junge Autoinsassen, die wegen des abgestellten Fahrzeuges auf der Straße einen Unfall vermuteten und Erste Hilfe leisten konnten, Marcos dadurch wohl das Leben gerettet hatten. Seine Verletzungen hatten sich zwar als schwer, aber zum Glück nicht lebensbedrohlich herausgestellt. Der Täter gestand bei seiner Festnahme durch die Polizei sofort, dass er von einer Frau Mathilde Steinhauer dazu angestiftet worden war, diesen Radfahrer, von dem sie wusste, zu welcher Zeit er auf dieser Strecke unterwegs sein würde, abzudrängen. Ein Foto des Mannes habe er von einer anderen Frau auf sein Handy geschickt bekommen. Er selbst habe sowieso einen furchtbaren Hass auf Radfahrer und da wollte er es so einem Idioten gerne einmal ordentlich zeigen. Und was glaubte der denn, dass er ihn einfach so anschreien könnte, wo diese Radfahrtrotteln sowieso immer dachten, die ganze Straße gehörte ihnen? Den Denkzettel heute würde der feine Herr sich merken! Wie die Recherchen der Polizei zeigten, war der Mann bereits einmal wegen Totschlags verurteilt worden. Da hatte wohl nicht nur Marcos Glück gehabt, dass alles noch so ausgegangen war!

Anna verbrachte so viel Zeit wie möglich bei ihrem Enkel am Krankenbett. Sie fühlte sich elend, weil ihr zu langes Schweigen ja auch seinen Anteil am Geschehen gehabt hatte. Sophie und Liliane kamen einmal vorbei, aber irgendwie hatten sie sich nur noch wenig zu sagen. Denn über Mathilde und Regina wollten sie lieber nicht sprechen. Als die beiden gegangen waren, dachte Anna voller Wehmut an die Zeit, als sie noch die fünf „Weinfreundinnen“ gewesen waren. Jetzt war ihr zum Weinen. Marcos bemerkte ihren traurigen Blick und lächelte ihr tröstend zu. „Wenn es dir wieder besser geht, dann holen wir beide alleine eine Weinverkostung am Hollerberg nach!“, versprach Anna und drückte liebevoll die Hand ihres Enkelsohnes.




Hinweis: Dieser Kurzkrimi ist eine fiktive Erzählung. Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Franz Preitler, aufgewachsen in der Steiermark, in Langenwang im Mürztal, publiziert seit 2005 Bücher und ist Herausgeber und Mitautor von Anthologien. Er organisiert Literatur- und Kulturveranstaltungen und ist bekannt als Nach-Erzähler von Sagen und Legenden rund um seine Heimat, die Steiermark. Der Bestsellerautor möchte die Leser mit Erzählungen aus der Geschichte bewegen, um die Vergangenheit lebendig zu vermitteln und vor dem Vergessen zu bewahren. Seit März 2019 ist Franz Preitler im Vorstand des renommierten steirischen Literatur- und Kulturverein Rosegger[bund] Waldheimat tätig. Er hält Lesungen sowie Vorträge zu seinen Büchern, nutzt dabei erfolgreich Web und Social Media und ist durch die Presse in der Steiermark bekannt.